Philosophisches Taschenwörterbuch:
Christianisme – Christentum (Kommentare)

Die Geschichte des Christentums zeugt von der beispiellosen, weltweiten Ausbreitung einer Glaubenslehre und ihrer Organisation. Keine andere Religion war jemals, weder vorher noch nachher, in ähnlichem Maße erfolgreich. Wie konnte ihr das gelingen?
In Voltaires Wörterbuchartikel ist nicht davon die Rede, dass das Christentum den anderen Religionen intellektuell überlegen gewesen wäre, noch, dass es ein höheres Bildungsniveau repräsentierte, oder dass es gar eine humanere Lebensart predigte; es geht in dieser Geschichte, wie sie Voltaire erzählt, auch nicht um Liebe, um Menschlichkeit, und schon gar nicht um Freiheit.
Voltaire führt die Erfolgsgeschichte des Christentums stattdessen auf eine Mischung aus Täuschung, Betrug, falschen Versprechungen zurück, auf die teilweise Aneignung von Glaubensinhalten anderer Religionen, insbesondere der jüdischen, auf die Anwendung von Zauberlehren und mystischen Angstritualen. Vor allem aber, zumindest ab dem 2. Jahrhundert, kennzeichnet das Christentum ein unaufhaltsamer Wille zur Macht, als dessen Ausgeburt die weltweit zur Herrschaft drängende katholische Kirche anzusehen ist.

Der heutige Forschungsstand ist davon nicht allzu verschieden. Über David Friedrich Strauss Leben Jesu (1835) bis hin zu Deschners voluminöser Kriminalgeschichte des Christentums (1986 ff) haben sich die Belege zur unaufhaltsamen Machentfaltung des Christentums vermehrt und immer weiter verdichtet.

Hintergrund:
1. Frankreich im 18. Jahrhundert
Durch den Machtverlust der katholischen Kirche konnte in Frankreich die Philosophie der Aufklärung entstehen, die zwar dem Absolutismus positiv, der Kirche und auch dem Calvinismus aber negativ gegenüberstand. Pierre Bayle, der Verfasser eines berühmten kirchenkritischen Wörterbuchs und viele der ersten Aufklärer waren im 17. Jahrhundert noch gezwungen, ins protestantische Ausland zu fliehen (siehe dazu ausführlicher unsere beiden Kommentare: Das Christentum und die Macht , sowie Die Religion im 18. Jahrhundert). Auch Voltaire musste sich noch vor Verfolgung schützen und siedelte sich deshalb nahe der schweizerischen Grenze in Ferney an, von wo aus er ab 1760 einen erbitterten Kampf gegen Kirche und Christentum führte. Seine Strategie, die man mit: „Kämpft gegen die Kirche, aber nicht gegen den Glauben selbst!“  beschreiben könnte, kam Mitte des 18. Jahrhunderts durch eine ganze Reihe atheistischer Schriften unter Druck.
Insbesondere d’Holbach mit seinem Le Christianisme dévoilée (1756) [dt.: Das entschleierte Christentum] und Hélvetius mit seinem Hauptwerk De l`Ésprit (1759)  [dt.: Vom Geist] veröffentlichten aufsehenerregende Schriften, die Voltaire bei seinen Anhängern defensiv aussehen ließen, aber auch gefährdeten, denn seine Gegner brachten ihn mit diesen Werken in Verbindung und die Glut der Scheiterhaufen war schließlich noch nicht ausgetreten. Das Philosophische Taschenwörterbuch war in dieser Hinsicht auch einen Antwort auf die atheistische, sehr viel radikalere Kritik am Christentum, war ein Aufruf zur Vorsicht und zur Mäßigung.

2. Veröffentlichungen gegen das Christentum im Europa des 18. Jahrhunderts
Voltaire gibt selbst eine Übersicht zu den antichristlichen, meist deistisch (d.i.: Es gibt einen Schöpfer, der aber nicht in das weitere Weltgeschehen eingreift) , manchmal auch atheistisch orientierten Autoren in: Lettres à S. A. MGR LE PRINCE de ***** sur RABELAIS et sur d’autres auteurs accusés d’avoir mal parlé de la réligion chrétienne (1767) [dt.: Briefe …. über Rabelais und andere Autoren, die man beschuldigt, schlecht über die christliche Religion zu sprechen].
Wir haben die entscheidenden Kapitel ins Deutsche übersetzt (Deutsche Erstübersetzung von Rainer Neuhaus, 2024) und ausführlich kommentiert, denn der Text wäre für heutige Leser teilweise unverständlich – auch das ist ein Ergebnis der fehlenden Überlieferung: Man schweigt über die Kritiker, damit sie vergessen werden.

3. Quellen, die Voltaire für seinen Artikel verwendete
Die Quellen, die Voltaire anführt, waren ihm oft durch die Veröffentlichungen der englischen Deisten, insbesondere Warburton und dessen Divine legation of Moses, bekannt geworden, aber auch durch Firmin Abauxit oder Coyers Middleton. Wir nennen sie hier, damit wir in den Anmerkungen darauf nicht en detail einzugehen brauchen – die Voltaire Foundation in ihrer Ausgabe hat sich dieser Mühe unterzogen, darüber jedoch das Wesentliche, die Argumentation, aus den Augen verloren):
3.1. Middleton, Conyers (183-1750), Miscellaneous works
Reflections on the variation…found among the four evangelists (1752)
A Free Enquiry into the Miraculous Powers, which are Supposed to Have Subsisted in the Christian
Church from the earliest ages (1749), in Miscellaneous works
Some cursery reflections on the dispute which happened…between Peter and Paul, in Miscellaneous works (1747)
Letter from Rome, showing an Exact Conformity between Popery and Paganism (1729).
3.2. Abauzit, Firmin ( (1679 – 1767): Oeuvres diverses, es. Moultou 1770
Sur la connaissance du Christ, in Oeuvres

► Voltaires Artikel Christentum war Gegenstand einer ausführlichen Kritik im Journal hélvetique von 1766, wo in 5 Ausgaben die „Fehler“ Voltaires erörtert wurden, mit dem Ziel, das Christentum und die Bibel zu verteidigen. Voltaire reagierte darauf mit Ergänzungen in der Ausgabe des Philosophischen Taschenwörterbuchs von 1769.

Die folgenden Kommentare zu einzelnen Textstellen beziehen sich mit ihren Seitenangaben auf die von uns bei Reclam herausgegebene Ausgabe des Philosophischen Taschenwörterbuchs (2020).
Mit Karlheinz Deschners Abermals krähte der Hahn, Eine kritische Kirchengeschichte (1962) liegt eine fast ideale Ergänzung zu Voltaires Artikel vor. Das Buch ist ein Glücksfall, fast selbst wie ein 722 s. umfassender Kommentar zu Voltaires Text anzusehen, angereichert mit allen neueren Forschungsergebnissen, akribisch sondiert und belegt. Deshalb beziehen wir uns in den Anmerkungen fast ausschließlich auf dieses Werk.

1. Kritische Sichtung der Belege, die Existenz und Person Jesu betreffend.

Anmerkung 1 (S. 149, erster Absatz: „…dass die kleine Passage. … später eingefügt wurde.”): Warburton, auf dessen Divine legation (1755, ii, S.57) sich Voltaire mehrfach bezieht, schreibt:“We conclude, therefore, that the passage of Josephus.. which acknowledges Jesus to be the Christ, is a rank forgery, and a very stupid one too“ (Siehe zu Warburton dessen Vorstellung in Voltaires Lettres sur Rabelais (1767)). Deschner, Abermals krähte der Hahn, S.15: „Die Stelle ist fast allgemein als Fälschung anerkannt“; dazu auch seine Zusammenfassung der neueren Studien und Position zur Frage der Geschichtlichkeit Jesu im 1. Kapitel.

Anmerkung 2 (S. 150, zweiter Absatz: bei Jesus Tod um die Mittagsstunde soll sich weltweit eine große Dunkelheit verbreitet haben): Davon erfährt man bei Tertullian: „Er hauchte nämlich, der Dienstleistung des Scharfrichters zuvorkommend, freiwillig den Geist mit einem Ausrufe aus. In demselben Augenblick verschwand das Tageslicht, obwohl die Sonne Mittags-höhe zeigte. Das hielten die, welche nicht wußten, daß auch dies in betreff Christi vorhergesagt war, natürlich für eine bloße Sonnenfinsternis. Und doch findet sich auch dieser Zwischenfall im Weltall in euren geheimen Archiven berichtet.“ Tertullian, Apologetikum oder Verteidigung der christl. Religion und ihrer Anhänger, 198, übers. von Dr. K. A. Heinrich Kellner, BKV 24, Bd. II, Bibl. der Kirchenvä-ter. Neu bei Herder, Übers. Tobias Georges, 2011.

Anmerkung 3 (S.151 2. Absatz: Unterschied der Genealogien Jesus): Viel Tinte ist über die Frage, warum sich Matthäus und Lukas bzgl. der familiären Herkunft Jesu unterscheiden, vergossen worden. Eine Erklärung für die unterschiedlichen Angaben war, dass der eine die rechtliche Ahnenreihe, der andere die natürliche wiedergibt. In einem verwickelten Artikel versucht bei Wikipedia eine ganze Autorenschar, die diversen Erklärungen zu verstehen: https://de.wikipedia.org/wiki/Vorfahren_Jesu 5

Anmerkung 4 (S.151 3. Absatz: Das Aus-Wasser-wird-Wein-Wunder): Das Wunder wird in Johannes 2, 1-10 erzählt und von Woolston in seinem A Discourse On the Miracles of Our Saviour (1729) rational erklärt. Voltaire stellt Woolston und seine Erklärung in seinen Lettres sur Rabelais vor.

2. Das Christentum als jüdische Sekte, Jesus kein Gott (152)

Anmerkung 5 (S. 152, 2. Absatz: „Josephus spricht … von einer rigoristischen Sekte der Juden“): Wie man sich die Abspaltung der „christlichen“ Urgemeinde vom Judentum vorzustellen hat, erzählt Deschner, Abermals krähte der Hahn, S.151ff

Anmerkung 6 (S. 153, unten: … die Essener, Judaiten, Therapeuten,…): In den Kapiteln 13 und 14 des 1. Kapitels behandelt Deschner die vielen Vorchristlichen Sekten (Christentum vor Christus).

Anmerkung 7 (S. 155 unten: Dieser Apostel spricht…..keineswegs von der Wesensgleichheit Jesus mit Gott…): Er vertritt also nicht die Lehre des Konzils von Nicäa (325 v.u.Z.), s. Anmerkung…. Dazu auch Deschner, Abermals krähte der Hahn: „Bis weit ins 3. Jahrhundert wurde Jesus meist nicht mit Gott identifiziert“ (Abermals krähte der Hahn, S.382).

4. Die entstehende Kirche (156)

Anmerkung 8 (S. 157 oben: „Der Streit erreichte Antiochia.”): s. zu dieser Auseinandersetzung Deschner, Abermals krähte der Hahn, Die Anfänge des Heidenchristentums S. 161 ff, der die Geschichte als Machtkampf der Paulianer gegen die Judenchristen darstellt, den Paulus gewann, wobei es auch an den Überlieferungen zur Person Paulus viele Zweifel gibt.

Anmerkung 9 (S.156 2. Absatz: „in einem Brief, der im Jahr 117 geschrieben wurde“ ): Der Kommentar der Voltaire Foundation weist darauf hin, dass es „im Jahr 177“ heißen müsste. Voltaire gibt in dieser Passage einen Text (Sur la connaissance du Christ) von Firmin Abauzit (1679 – 1767) wieder, in dem es um die Zweifel an der Person Jesu geht.

5. Die ersten Kirchengemeinden (158)

Anmerkung 10 (S.159, 3. Absatz: „Man hat dem heiligen Justinus..vorgeworfen..“): Diese Passage ist interessant, weil sie einen Fehler (Der Ausspruch des Justinius erscheint in seinen Dialogen, nicht in dem Kommentar zu Jesaja) enthält, der aber Voltaires – nicht genannte – Quelle aufdeckt, nämlich A Free Enquiry into the Miraculous Powers, which are Supposed to Have Subsisted in the Christian Church von Conyers Middleton (1683-1750). Das belegt Norman L. Torrey in seiner umfangreichen Studie: Voltaire and the English Deists (Oxford 1963).

Anmerkung 11 (S. 161, 3. Absatz: „…was die Christen am meisten auszeichnete, ist…dass sie die Macht besaßen, die Teufel mit dem Kreuzeszeichen auszutreiben”): vgl. Deschner, Abermals krähte der Hahn, S. 485, Der Geisterglaube der Kirche.

6. Verfolgung, die Märtyrer (163)

Anmerkung 12 (S. 163, 3. Absatz: „…da sich die Christen aber zu Feinden aller dieser Kulte machten….”): Im Kapitel 43, Der Blutstrom der Kirche, zeigt Deschner, (Abermals krähte der Hahn, S. 343ff), wie die Christen ihre Verfolgung mächtig aufbauschten, z.B. wurde bis 250 kein einziger römischer Bischof getötet (S.344).

Anmerkung 13 (S. 163, 3. Absatz: Ignatius als Märtyrer”): zu Ignatius Bedeutung vgl. Deschner, Abermals krähte der Hahn, S. 230, Ignatius von Antiochien.

Anmerkung 14 (S. 166, 4. Absatz: „…es gab zu verschiedenen Zeiten eine so große Anzahl von Märtyrern): vgl. Deschner, Abermals krähte der Hahn, S. 346, Kapitel Die Märtyrer. Er berichtet, dass man eine Zahl von 1500 Märtyren nennt, jedoch nur einige Dutzend namentlich belegt werden können.

7. Konstantin, die Kirche an der Macht (168)

Anmerkung 15 (S. 169, 2. Absatz: „Damit nahm die Kirche eine herrschaftliche Form an“): Zu den Lebensumständen unter Konstantin und dem Christentum sagt Deschner, sie hätten sich für das normale Volk verschlechtert. „Dafür hatte man jetzt einen neuen Herrenstand, den Klerus, dessen große Mehrheit dem Volk Bedürfnislosigkeit, Dämpfung des politischen Aufbegehrens und pünkliches Steuerzahlen an den Kaiser predigte und um so eher zum Entgegenkommen bereit war, als es den Geistlichen, besonders den Bischöfen, auch persönlich immer besser ging“ (Abermals krähte der Hahn, S.380).

8. Das Konzil von Nicäa, gegen Arius (170)

Anmerkung 16 (S. 170, 1. Absatz: „..Jesus als reinste Emanation des höchsten Wesens, ..aber nicht Gott gleichgestellt”): Das Konzil von Nicäa (325) beschloss die sog. nicäaische Formel, nach der zwischen Gott und seinem Sohn eine sog. Homousie herrsche, eine Wesensgleichheit. Eine Lehre, die bis dahin völlig unbekannt war; niemand wusste, was das bedeuten sollte. Aber Kontantin entschied: „Was 300 Bischöfe bschlossen haben, ist nichts anderes als ein Urteil Gottes“. (n. Deschner, Abermals krähte der Hahn, S.394)

Anmerkung 17 (S. 171, 1. Absatz: „…die Auffassung von Arius…”): Bischof Arius und seine Anhänger waren strike Gegner der nicäischen Wesensgleichheitsbehauptung, die für sie den Monotheismus aushebelte.

9. Konzil von Ephesus, Maria als Mutter Jesu/Gottes (172)

Anmerkung 18 (S.172, 2. Absatz: „Das dritte allgemeine Konzil…entschied, dass Maria wirklich die Mutter Gottes war): Deschner, S.362: „Bis zum 3. Jahrhundert wußte die Christentum nichts von einer immerwährenden Jungfrauschaft Mariens“ und zum Konzil von Ephesus (S.366) weist er auf den auffälligen Übergang des Isis-Kultes auf den Mariakult hin. Über den Marienkult und die Trinitätslehre wurde heftig gestritten: „Es kam vor, wie auf der Synode von Ephesus, dass die Bischöfe mit Stöchken aufeinander einschlugen, bis endlich, nachdem die eine Fraktion das Feld geräumt hatte, der Heilige Geist sprach und das gottgewollte Resultat zustandekam“.(Deschner, Abermals krähte der Hahn, S.381).

10. Die weitere Entwicklung, Ost- und Westkirche, Reformation, Ausbreitung und Vertreibung in Asien (172/3)

Anmerkung 19 (S. 172 unten): „Die römisch-katholische Kirche verlor …die Hälfte..“ siehe zu den Ereignissen im Vorfeld des 30 jährigen Krieges: Deschner: Deschner: Kriminalgeschichte des Christentums, Bd. 9, Kap. 9: Die Schlammschlacht vor dem großen Krieg. Vom publizistischen Schlachtfeld zum militärischen, S.287 ff

Anmerkung 20 (S. 173, 2. Absatz: „Francisco de Xavier, der das Evangelium nach Ostindien und nach Japan brachte, als die Portugiesen auf der Suche nach Handelsware dorthin gingen“): James Clavell übernahm für seinen Roman Shogun (1975) einige der Aufzeichnungen Xaviers über die Jesuitenmission in Japan. Der Roman wurde vielfach (zuletzt 2024) verfilmt.

Anmerkung 21 (S.173, 3. Absatz – über die Jesuitenmission in China): siehe dazu unsere Kommentarseite zum Artikel China des Philosophischen Taschenwörterbuchs.

Anmerkung 22 (S.174, 2. Absatz, Die weiteren Ausdehnung des Christentums in Afrika, Amerika, bis zu einem Anteil von 32% der Weltbevölkerung): Heute besitzt das Christentum einen Anteil von 32,2%, wie die Internetseite www.katholisch.de berichtet. Zur Expanisonsgeschichte siehe Deschner: Kriminalgeschichte des Christentums, Bd. 9 (MITTE DES 1 6 . BIS ANFANG DES 18. JAHRHUNDERTS), Vom Völkermord in der Neuen Welt bis zum Beginn der Aufklärung (2008).