Rezension: Canfora, Luciano, Europa, der Westen und die Sklaverei des Kapitals, Köln: PapyRossa, 2018, 107 S.
 

Der italienische Historiker Canfora beschäftigt sich in diesem kleinen Büchlein, das auf Italienisch ‚La sciavitú del capitale’ heißt, mit dem Blick des Westens auf den Rest der Welt, genauer gesagt, unternimmt er einen kleinen Ausflug in die Begriffsgeschichte der Rede von ‚dem Westen’. Wen das Gerede von ‚dem Westen’, der dies oder jenes so oder so sehe, auch schon gestört hat, wird sich aus diesem Text Aufklärung erhoffen und ihn mit Interesse lesen.
Allerdings ist es aus unserer Sicht irritierend, daß Canfora ausgerechnet Voltaire an den Beginn eines Kapitels stellt, das sich mit den Anfängen des sogenannten westlichen Blicks beschäftigt, den er mit Rassismus, Kolonialismus und eben auch schiavitú‚ Sklaverei, verknüpft. Vielleicht brauchte er einfach bloß einen berühmten ‚Aufhänger’, zumal anschließend viele, heute meist unbekannte Adepten des Westens aufgeführt werden. Jedenfalls ist es ärgerlich, wie Canfora, immerhin Historiker, Voltaire in einem reichlich verdrehten Zerrspiegel präsentiert. Und wenn er es mit Voltaire so macht, wird er, darf man annehmen, mit anderen ebenso verfahren sein – was seinen Text insgesamt entwertet.

Canfora präsentiert Voltaires Position zum Thema Westen anhand zweier Artikel, die Voltaire für die Enzyklopädie geschrieben hat: den Artikel ‚Geschichte’ und den Artikel ‚Zeitungen’, bei dem die vielen Parallelen zur heutigen Mainstreamdebatte außerordentlich erstaunlich sind. Canfora behauptet, Voltaire habe dort die altchinesische Geschichtsschreibung kritisiert, weil sie chinazentriert sei und andererseits Herodot gelobt, weil dieser sich mit seiner Geschichtsschreibung universal auf die ganze bekannte Welt beziehe. Aus dem Artikel ‚Zeitungen’ zitiert Canfora den Satz: „Die Gazetten Chinas betreffen nur dieses Reich; diejenigen Europas beziehen das Universum mit ein.“ Darin sieht Canfora die Idee durchschimmern, daß der Westen besser als die übrige Welt, insbesondere China und Indien, sei, weil er eine universale Haltung einnehme. Eine Wertung, die von der tatsächlichen Position Voltaires so weit entfernt ist, daß ihre Behauptung aus der Feder eines renommierten Historikers wirklich sehr nach einer Erklärung verlangt.
Tatsächlich gibt es einen Universalitätsanspruch der Aufklärung. Er besteht erstens in der Meinung, jeder Mensch habe, von Natur aus frei, dieselben Rechte, ganz gleich, wo und wie er geboren wurde. Zweitens erhebt er einen Allgemeingültigkeitsanspruch für die Regeln, nach denen man (wissenschaftlich) wahr und falsch unterscheiden kann, insbesondere mit der Beweisführung durch Beobachtung und Experiment sowie durch Quellenkritik. Auch andere ‚schräge’ Formulierungen Canforas lassen befürchten, daß er allmählich in die Richtung der Antiaufklärer abdriftet und mit seiner ersten – falschen – Behauptung den eigentlichen Universalitätsanspruch der Aufklärung treffen will. Solches wäre derzeit nur allzu modern: man behauptet die Existenz einer weiblichen Vernunft, einer schwarzen, einer männlichen, usw. und denunziert die Vernunft der Aufklärung als kolonialistisch – eine Position, die Canfora  allerdings (noch?) nicht einnimmt.

Was sagte Voltaire nun wirklich zum Blick ‚des Westens’ auf China und zu Herodot? In dem Artikel ‚Geschichte’, auf den sich Canfora hier vor allem bezieht, führt Voltaire zunächst aus, daß die frühe griechische und römische Geschichtsschreibung aus kaum mehr als Märchen bestehe. Wolle man sie an wirklichen Fakten überprüfen, gebe es nur die Möglichkeit sich an unbestreitbare Quellen zu halten. In diesem Zusammenhang sagt er über China folgendes: „Was die Chinesen über alle Völker dieser Erde erhebt, ist, daß sich weder ihre Gesetze, noch ihre Sitten, noch ihre Sprache, die bei ihnen die Gebildeten sprechen, seit ungefähr 4000 Jahren geändert haben. Jedoch ist diese Nation und die Indiens, die ältesten der bis heute existierenden, diejenigen, die das größte und schönste Land besitzen, jene, die fast alle Künste und Handwerke erfunden haben, noch bevor wir auch nur einige davon erlernten, bis zum heutigen Tag von unseren universellen Geschichtsschreibern ausgeklammert worden. Wenn ein Spanier und Franzose die Nationen aufzählt, unterläßt es weder der eine noch der andere, sein Land als allererste Monarchie der Welt anzuführen und seinen König als größten König der Welt. Und sie beglückwünschen sich, daß sie von ihrem König eine Pension erhielten, sobald er nur erst ihr Buch gelesen habe“.

[Mais ce qui met les Chinois au-dessus de tous les peuples de la terre, c’est que ni leurs lois, ni leurs moeurs, ni la langue que parlent chez eux les lettrés, n’ont changé depuis environ quatre mille ans. Cependant cette nation et celle de l’Inde, les plus anciennes de toutes celles qui subsistent aujourd’hui, celles qui possèdent le plus vaste et le plus beau pays, celles qui ont inventé presque tous les arts avant que nous en eussions appris quelques-uns, ont toujours été omises jusqu’à nos jours dans nos prétendues histoires universelles. Et quand un Espagnol et un Français faisaient le dénombrement les nations, ni l’un ni l’autre ne manquait d’appeler son pays la première monarchie du monde, et son roi le plus grand roi du monde, se flattant que son roi lui donnerait une pension dès qu’il aurait lu son livre].

Voltaire fordert klar und deutlich, daß sich die Historiker der Tatsache bewußt sein sollten, wie kurz die Geschichte der europäischen Zivilisation im Vergleich zu der Chinas ist und er vermutet außerdem, daß der Hochmut westlicher Geschichtsschreiber auf ihren höchst eigennützigen materiellen Interessen gründet. Das ist allerdings das genaue Gegenteil von der Behauptung Canforas.

Was Herodot betrifft, so hat ihn Voltaire mehr als einmal als Märchenerzähler kritisiert, am deutlichsten an dieser Stelle aus dem Artikel certain des philosophischen Wörterbuchs: „Wenn Herodot erzählt, was ihm die Barbaren gesagt haben, zu denen er gereist war, erzählt er Albernheiten und das tun die meisten unserer Reisenden. So braucht man ihm nicht zu glauben, wenn er von den Abenteuern von Gyès und Candaule spricht, von Arion auf dem Delphin und vom Orakel, das befragt, was Krösus tun würde, antwortete, dieser koche eine Schildkröte im zugedeckten Topf oder vom Pferd des Darius, das seinen Herrn zum König machte, indem es sich ihm als erstem näherte und von hundert anderen Märchen, die Kinder gefallen und Rhetoriker sammeln. Aber wenn er von den Dingen erzählt, die er gesehen hat, von den Sitten der Völker, die er untersucht, von ihrer Geschichte, die er befragt hat, spricht er doch zu Erwachsenen“.

Schließlich behauptet Canfora, Simon-Nicolas-Henri Linguet, Schriftsteller und berühmter Advokat am Pariser Parlament, dem höchsten Gericht Frankreichs, habe in seiner 1767 erschienenen Schrift théorie des lois civils, in der er die Vorzüge des Absolutismus erörtert, den absoluten Herrscher positiv als Beschützer der Schwachen gegen den Feudaladel gewertet. Dafür sei er dann von den Aufklärern attackiert worden.

Zu diesem Thema gibt es aber einen Briefwechsel zwischen Linguet und Voltaire, der die Positionen des einen wie des anderen in einem reichlich anderen Licht erscheinen läßt. In einem persönlichen Brief vom 19.2.1767 stellt Linguet Voltaire seine théorie des lois civils vor. Nachdem er ausgeführt hat, daß die Künste und die Literatur für die Kinder der Reichen (Adligen) durchaus von Vorteil seien, meint er: “Aber ich glaube von ganzem Herzen, daß es für die unendlich viel größere Masse der Menschheit, die man Volk nennt, nicht so ist. Diese geistigen Höhenflüge stellen für sie vergiftete Amulette dar, die sie unumkehrbar korrumpieren. Der derzeitige gesellschaftliche Zustand verurteilt sie dazu, nur die eigenen Hände zu gebrauchen. Alles ist verloren, sobald man sie in die Lage versetzt zu entdecken, daß es auch noch einen Geist gibt“.

[„Mais je crois fermement qu’il n’en est pas ainsi de l’autre portion infiniment plus nombreuse de l’humanité que l’on appelle peuple. Ces hochets spirituels deviennent pour lui des amulettes empoisonnés qui le gâtent et le corrompent sans retour. L’état actuel de la société le condamne à n’avoir que des bras. Tout est perdu dès qu’on le met dans le cas de s’apercevoir qu’il a aussi un esprit.].

Voltaire antwortet ihm am 15. März 1767 folgendermaßen:
„Unterscheiden wir bei dem, was Sie Volk nennen, die Berufe, die einer ernsthaften Erziehung bedürfen von jenen, die nur der Hände Arbeit und die Müdigkeit des Alltags erfordern. Diese letztere Klasse ist die zahlreichste. Sie wird, bloß aus Entspannung oder aus reinem Vergnügen, niemals woanders hingehen als zur Messe und ins Kabarett, weil man dort singt und weil man dort selbst singen kann. Was die etwas gehobeneren Handwerker betrifft, die von ihrer Berufstätigkeit selbst dazu gedrängt werden, viel nachzudenken, ihren Geschmack zu verbessern, sich aufzuklären, sie beginnen in ganz Europa zu lesen. In Paris kennen Sie die Schweizer kaum anders als durch jene, die an den Türen der großen Herren stehen, oder durch die, denen Molière in einigen seiner Lustspiele ein unverständliches Kauderwelsch in den Mund gelegt hat; aber die Pariser wären erstaunt, wenn sie in einigen Städten der Schweiz sähen, vor allem in Genf, daß fast alle, die in den Manufakturen arbeiten, zum Lesen überwechseln, sobald ihre Arbeit ihnen dazu Zeit läßt. Nein, mein Herr, nicht alles ist verloren, wenn man ein Volk in den Stand versetzt zu bemerken, daß es einen Geist gibt. Alles ist ganz im Gegenteil verloren, wenn man es wie eine Herde Ochsen behandelt, denn früher oder später werden diese Ochsen Sie mit ihren Hörnen aufspießen“
.

[Mais distinguons, dans ce que vous appelez peuple, les professions qui exigent une éducation honnête, et celles qui ne demandent que le travail des bras et une fatigue de tous les jours. Cette dernière classe est la plus nombreuse. Celle-là, pour tout délassement et pour tout plaisir, n’ira jamais qu’à la grand’messe et au cabaret, parce qu’on y chante, et qu’elle y chante elle-même; mais, pour les artisans plus relevés, qui sont forcés par leurs professions mêmes à réfléchir beaucoup, à perfectionner leur goût, à étendre leurs lumières, ceux-là commencent à lire dans toute l’Europe. Vous ne connaissez guère, à Paris, les Suisses que par ceux qui sont aux portes des grands seigneurs, ou par ceux à qui Molière fait parler un patois inintelligible, dans quelques farces; mais les Parisiens seraient étonnés s’ils voyaient dans plusieurs villes de Suisse, et surtout dans Genève, presque tous ceux qui sont employés aux manufactures passer à lire le temps qui ne peut être consacré au travail. Non, monsieur, tout n’est point perdu quand on met le peuple en état de s’apercevoir qu’il a un esprit. Tout est perdu au contraire quand on le traite comme une troupe de taureaux, car, tôt ou tard, ils vous frappent de leurs cornes.]

Man sieht, wie einseitig uns Canfora Linguet präsentiert*, indem er ihn als Vertreter der kleinen Leute vorstellt („Linquet stellt das Motiv des Souveräns als Beschützer der Schwachen gegen die Feudalmacht in den Mittelpunkt. Die Aufklärer kritisierten Linguet hart dafür“) und man ist bestürzt zu sehen, wie er, der angeblich ‚linke Historiker’, die Position Voltaires entstellt und in ihr gerades Gegenteil verkehrt!

Simon-Nicolas-Henri Linguet wurde übrigens am 27.6.1794 auf der Guillotine der Revolution hingerichtet.

Hoffen wir, daß Canfora in früheren Werken mit seinen Quellen nicht ebenso umgegangen ist, wie hier mit den Texten Voltaires!

*Über Linguet informiert umfassend: Cruppi, Jean, Linguet, Un avocat journaliste au XVIIIe siècle, Paris: Hachette, 1895. Die théorie des lois civils interpretiert Cruppi als extreme Gegenposition zu Rousseau. Linguet lobe den reaktionären Klassenstaat so sehr, daß sein Lob fast schon ins Gegenteil umfalle. Die brieflichen Äußerungen Linguets, auch an Rousseau gerichtet,  lassen aber eher vermuten, daß er sein Lob ernst meinte.

 

Rainer Neuhaus 2018