Kleistermeister.

Rezension: Die Aufklärung, Das Drama der Vernunft vom 18. Jahrhundert bis heute, hrsg. v. Johannes Saltzwedel, München: DVA, 2017, 270 S.
 

Vor einigen Jahren hatte ich einmal ein Probeabonnement des Spiegel, in dessen Verlag dieses Buch, ausschließlich von Spiegelautoren in zweiunddreißig, meist kleineren Essays geschrieben wurde; es soll die Epoche der Aufklärung in ihrer ganzen Vielfalt und Vielstimmigkeit darstellen, heißt es im Klappentext.  Das Spiegel-Probeabonnement habe ich damals nicht verlängert, weil mich jedesmal, wenn ich eine Ausgabe gelesen hatte, ein ganz und gar rousseauisches Sentiment (wenn es so etwas überhaupt gibt) überkam, ein Gefühl, als hätte mir jemand einen Eimer Kleister ins Gehirn geschüttet. Es dauerte jedesmal einige Stunden, bis sich die Verklebungen gelöst hatten.

So war ich, zugegebenermaßen mehr als skeptisch, als ich jetzt dieses Buch, rechtzeitig für die Gabentische der Republik, kurz vor Jahresende in allen Buchhandlungen prominent präsentiert sah. „Bestimmt geschrieben, um die Aufklärung mit ätzendem Geifer und Kritizismus zu überziehen“ lautete etwa meine Erwartung. Doch so ist es nicht.

Entweder haben die Kleistermeister ihren Autoren in diesem Fall relativ viel Freiheit gelassen, weil sonst das Buch niemand gelesen hätte, oder aber das Ziel wurde von vorne herein niedriger gesteckt, ungefähr in der Art, daß durch einige gute Artikel das Interesse anzuziehen sei, um sich einzuschmeicheln, damit anschließend die Tretminen um so besser gelegt werden können, die bekannte Schläfertaktik also. Nur eine einzige Bedingung war einzuhalten: Voltaire darf nicht vorkommen, oder wenn er vorkommt, muß es negativ sein - eine Bedingung, die die Autoren voll und ganz befolgt haben. Das Schläferziel hat man allerdings nur so ungefähr erreicht, nicht voll und ganz, vor allem, weil niemand das Buch von vorne bis hinten durchliest.

Morgens ein Kapitelchen genügt, vor oder während des Frühstücks, man kann es dann über den Tag wirken lassen und bedenken. So gelesen, bietet „Die Aufklärung“ nicht nur ein paar kleine Entdeckungen, zum Beispiel über Johann Kaspar Thürriegel, der deutsche Bauern zum Aussiedeln nach Spanien überredete, wo sie eine Art Musterkolonie gründen sollten (Andrea Gittermann) oder über das Leben von James Cook (Annette Bruhns), sondern ermöglicht dem Leser auch gegen die Kleistermeister (vor allem den Herausgeber Saltzwedel selbst), seine mentalen Abwehranlagen zu befestigen.
Das Buch scheint für Jugendliche geschrieben, um ihnen beizubringen, was von der Aufklärung zu halten sei, das wäre ungefähr dieses: „Ganz gut gemeint, führt aber zu Totalitarismus“. Artikel, die dieses klebrige Konstrukt massiv einzuflössen unternehmen, vor allem den von Eberhard Straub (Tugend und Terror) und den über Rousseau von Romain Leick kann man getrost überspringen, sie sind der frühmorgendlichen Lektüre nicht zuträglich und lohnen erst recht nicht den Entkleisterungsaufwand über den weiteren Tag hinweg.

„Die Aufklärung“ aus dem Spiegelverlag ist ein Buch, das man kaufen kann, um sich das große 18. Jahrhundert vor Augen zu führen und um gleichzeitig zu verstehen, wie die Kleistermeister vorgehen, um das Erstaunen, das Erwachen, das Licht der Aufklärung zu verdunkeln, einzuschläfern und endlich zu ersticken.

 

Rainer Neuhaus 2017