François-Marie de Voltaire
Kurzbiographie
 

Nach seinem Namen benennt man das 18. Jahrhundert als „Jahrhundert Voltaires“, zu seinen Lebzeiten sprach das einfache Volk von ihm als „L`homme aux Calas“, womit es Voltaire für seinen aufopfernden Einsatz ehrte, durch den die südfranzösische Tuchhändlersfamilie Calas den Klauen der Inquisition entrissen werden konnte. Sein Lebenswerk charakterisiert am besten das Wort: „Er löste von den Augen der Völker die Bande des Irrtums“ (Il a ôté aux nations le bandeau de l`erreur)*.

 1. Kindheit, Jugend, erste Erfolge
Voltaire wurde am 21.11.1694 als zweitältester Sohn des renommierten Pariser Notars Arouet und seiner Frau  Marguerite geboren.** Man taufte ihn auf den Namen Francois-Marie. Nach dem Schulbesuch auf dem angesehenen Jesuitenkolleg Louis le Grand und einem erzwungenen Jurastudium schlug er die Laufbahn eines Schriftstellers ein, legte den ungeliebten Familiennamen Arouet ab und gab sich selbst den Namen „de Voltaire“. Was den Adel in Person eines gewissen Chevalier de Rohan-Chabot, eines Säufers und Tunichtguts, in seinem Stolz derart verletzte, dass er Voltaire öffentlich süffisant ansprach: „Herr Voltaire, Herr Arouet, oder wie heißen Sie doch gleich?“ Voltaire aber hatte ein scharfe Zunge und wusste sich zu verteidigen: „Ich bin nicht wie jene, die den Namen entehren, den sie erhalten haben, ich werde den, den ich mir gegeben habe, unsterblich machen!“  Dieses Wortgefecht ereignete sich, als Voltaire 32 Jahre alt und bereits ein bekannter Schriftsteller war – sein Theaterstück „Ödipus“ erreichte mit 45 Aufführungen einen phänomenaler Erfolg und seine Versdichtung, die „Henriade“, ein Epos über Heinrich IV, war in aller Munde.  Es endete damit, dass er zusammengeschlagen wurde und – der Adel hatte alle Rechte auf seiner Seite – nach einem 4 Monate dauernden Gefängnisaufenthalt in der Bastille Frankreich in Richtung England für 2 Jahre verlassen musste.

2. Verbannung nach England und Cirey
Seine Verbannung nutzte Voltaire zu einem Vergleich der gesellschaftlichen Verhältnisse Englands und Frankreichs. In seinen „Philosophischen Briefen“ informiert er über die englische Toleranz gegenüber religiösen Minderheiten, die dortige systematische Pockenimpfung, die Physik Newtons, die Philosophie Lockes und über das Theater Shakespeares. Die Briefe Voltaires wurden in Frankreich sofort verboten und verbrannt, wirkten aber trotzdem wie eine Fackel im intellektuellen Dunkel.  Zum ersten Mal vernahm man in Frankreich die klare und unerschrockene Stimme der Aufklärung. Kaum zurückgekehrt, zwang man Voltaire, in einem kleinen Ort weitab von Paris zu leben, in Cirey sur Blaise. Zu diesem Zeitpunkt (1734) war Voltaire nicht nur berühmt, sondern auch schon ziemlich wohlhabend, er konnte deshalb das in Cirey befindliche halbverfallene Schloss seiner (übrigens verheirateten) Lebensgefährtin Emilie du Châtelet auf eigene Kosten aufwendig renovieren lassen. Hier entstanden seine bedeutenden historischen Werke (Die Zeit Ludwig des XIV, Geschichte der Nationen, das erste Geschichtswerk, das nicht religiös und nicht europabeschränkt ist) und, gemeinsam mit Emilie, die erste Übersetzung Newtons ins Französische.

* - Von Victor Hugo zum 100. Geburtstag Voltaires verwendeter Vers aus der Henriade (dort auf Henry IV. bezogen).
** Das sagt jedenfalls das Taufregister. Voltaire selbst erklärt, am 20.2.1694 geboren worden zu sein.
 

Voltaire machte sich damit zum Kampfgenossen von Diderot und D`Alembert, d'Holbach und von Hélvetius, denen er auch weiterhin eng verbunden blieb.
1750 starb die vielseitig gebildete und hochintelligente Emilie du Châtelet, die große Liebe seines Lebens.

3. Preussische Illusion
Voltaire entschloss sich, dem Ruf Friedrichs II. nach Berlin zu folgen, voller Hoffnung, mit ihm den idealen, aufgeklärten Staat aufbauen zu können. Doch bereits 3 Jahre später floh Voltaire aus Preußen über Leipzig, Frankfurt nach Colmar. Intrigen und beiderseitige Enttäuschungen hatten die vielversprechende Liaison Voltaires mit Friedrich zerstört und seinen Berlin-Aufenthalt zu einer gefährlichen Angelegenheit werden lassen. Sein berühmter Roman Candide ist auch vor dem Hintergrund dieser Ernüchterung über aufgeklärte Monarchen à la Friedrich zu lesen.

4. Antiklerikaler Kampf aus Ferney, Rückkehr nach Paris
Im letzten Drittel seines Lebens sieht man Voltaire von seinem Schloss in Ferney bei Genf aus einen zähen Kampf gegen die katholische Inquisition führen. Er betrieb nicht nur erfolgreich die Rehabilitation des am 18.11.1761 zum Tode durch Rädern verurteilten Jean Calas, er mobilisierte auch halb Europa gegen das Todesurteil gegen den Chevalier de la Barre, dessen Verbrechen darin bestand, eine katholische Prozession nicht gegrüßt zu haben. Voltaires Einsatz ist es maßgeblich zu verdanken, dass sich die Kirche und ihre Schergen weitere Terrorprozesse nicht mehr erlauben konnten.
Die Produktivität Voltaires war enorm, auch im hohen Alter schrieb er zahlreiche Theaterstücke, politische Kampfschriften und philosophische Arbeiten. Eines der populärsten und bis heute sehr lesenswerten Werke aus dieser Zeit ist sein 1764 erschienenes philosophisches Taschenwörterbuch gewissermaßen die Mao-Bibel der Aufklärung.
Voltaire war der Wegbereiter der großen französischen Revolution, die seine Forderungen: Entmachtung der Kirche, Rechtsstaatlichkeit und Verwendung der Abgaben/Steuern zum allgemeinen gesellschaftlichen Nutzen, in die Tat umsetzte.

5. Tod und Begräbnis
Voltaire starb am 30. Mai 1778  im Alter von 84 Jahren in Paris, das er viele Jahre nicht mehr hatte betreten dürfen. Sein Leichnam musste heimlich aus der Stadt geschafft werden, denn die Kirche wollte ein ordentliches Begräbnis ihres gefährlichen Gegners verhindern und die Leiche auf den Schindanger werfen. Der Leichnam wurde jedoch entführt und in der Abtei von  Sellières beigesetzt, um  dort 1791 exhumiert und in einem Triumphzug nach Paris gefahren zu werden, wo er im Panthéon – der Grabkirche für die bedeutendsten Franzosen – bis heute in einer eigens für ihn gestalteten Kammer liegt. Seither arbeiten Klerus und Obskurantisten daran, Voltaire der Vergessenheit zu überantworten oder, wo dies nicht gelingt, ihn und seine Lehren in Misskredit zu bringen. Sein unermüdlicher Einsatz für die Aufklärung haben ihn zu einem ihrer bevorzugten Hassobjekte gemacht, von dem sie bis zu dem Tag nicht lassen werden, an dem sich die Forderung Voltaires erfüllt:
Ecrasez l`Infame!