Karlheinz Deschner - Ein Nachruf

Von Rainer Neuhaus (Voltaire-Stiftung)    12.April 2014

Bedauerlich, wenn zum Tode einer so bedeutenden Persönlichkeit den Zeitungen von Süddeutscher bis hin zur Zeit nichts Besseres zu Karlheinz Deschner einfällt, als nur den Nachruf der Giordano Bruno Stiftung nachzudrucken, und dies, obwohl es auch in deren Blättern längst schon bessere Texte gegeben hatte (zum Beispiel diesen hier). Davon abweichend, soll an dieser Stelle ein kritischer Vergleich Deschners mit Voltaire stehen, in dessen Nachfolge er oft gesehen wurde („moderner Voltaire“) und in der er sich selbst auch gesehen hat, was man etwa an dem von ihm herausgegeben Band Das Christentum im Urteil seiner Gegner, in dem er Voltaire ein besonderes Kapitel widmet und an seinen vielen zustimmenden Bezugnahmen zu Voltaire, und zwar dem kämpferischen, antiklerikalen Voltaire, leicht erkennen kann. So zitiert er von Voltaire mit Vorliebe griffige, einprägsame Formulierungen wie diese:
„Jeder Mönch schwingt die Kette, zu der er sich verurteilt hat… Unglücklich in ihren Schlupfwinkeln, wollen sie auch die anderen Menschen unglücklich machen. Ihre Klöster bergen Reue, Zwietracht und Haß“, „Die Geschichte der Kirche stört die Verdauung“ oder natürlich: „Ecrasez l’Infâme’, den Schlachtruf Voltaires, dem er sich besonders verbunden fühlte.

Am Ende seines Lebens veröffentlichte Voltaire die Untersuchung La Bible enfin expliquée, in der er die Widersprüche, Ungereimtheiten und die Herkunft bestimmter christlicher Ideologeme aufdeckt und die weitgehende Wertlosigkeit der Bibel als historisches Dokument feststellt. In direkter Tradition dieses Textes steht Deschners 776 Seiten starkes Werk Abermals krähte der Hahn aus dem Jahr 1962, in dem er die Entstehung der Evangelien, die Schöpfungsmythen, die Verbrüderung der Kirche mit der Macht bis hin zum Faschismus beleuchtet. Abermals krähte der Hahn war damals ein Fanal, ein außerordentlich scharfer Angriff auf die Kirchen in einer Zeit, in der diese gerade dabei waren, ihre geistige Verwandtschaft und weltliche Verbrüderung mit den blutrünstigen Juden- und Kommunistenhassern, den deutschen Nazis, zu verschleiern (was ihnen, nebenbei bemerkt, heute, im 21. Jahrhundert, wo in jedem Konzentrationslager ein Kirchlein steht, gelungen zu sein scheint). Nicht wenigen Bundesbürgern hat Abermals krähte der Hahn die Augen für das wirkliche Wesen der angeblich so sozialen Kirchen geöffnet, die Deschner mit historischen Tatsachen konfrontiert, als kriminelle Vereinigung bezeichnet, und viele verdanken ihm den Anstoß zum Kirchenaustritt, den ersten Schritt zur Menschwerdung also, zur vielbesungenen ‚Befreiung aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“. Die Niederträchtige (Voltaire: L’Infâme) wäre nicht die Niederträchtige, wenn sie nicht versucht hätte, in alter inquisitorischer Manier den weltlichen Arm auf Deschner anzusetzen, auch diese Erfahrung musste Deschner ähnlich wie Voltaire machen, man zerrte ihn nämlich 1971 aufgrund eines öffentlichen Vortrages vor Gericht, und zwar auf der Basis eines echten Mittelalterparagraphen, des bis heute gültigen und altbekannten, nur auf ‚Beschimpfung von Religionsgemeinschaften’ umgetauften Gotteslästerungsparagraphen 166 StGB. Deschner schreibt selbst, was der Anlass zu der Anklage war und es lohnt sich, dies, auch um ein Beispiel seiner erfrischenden Formulierungskunst zu lesen, ausführlich zu zitieren: „Die inkriminierte, in der Nürnberger ‚Meistersingerhalle’ gehaltene Rede, die mit den Sätzen begann:

‚Warum beachten wir noch eine Leiche? Den Riesenkadaver eines historischen Untiers? Die Reste eines Monstrums, das ungezählte Menschen (Brüder, Nächste, Ebenbilder Gottes!)verfolgt, zerfetzt und gefressen hat, mit dem besten Gewissen und dem gesündesten Appetit, eineinhalb Jahrtausende lang, wie es ihm vor den Rachen kam, wie es ihm nützlich schien, alles zur höheren Ehre seines Molochs und zu immer größeren Mästung seiner selbst…’, diese Rede ‚Über die Notwendigkeit, aus der Kirche auszutreten’ enthielt auch die Stelle: ‚Man räumt ja ein, dass die Ideale des Christentums sehr hochgesteckt sind, dass man Christentum und Kirchen nicht schon deshalb verdammen darf, weil sie diese Ideale nicht ganz, nicht halb und wenn Sie wollen, noch weniger realisieren. Aber es fasst, um es zu wiederholen, den Begriff des Menschlichen und selbst Allzumenschlichen doch etwas weit, wenn man von Jahrhundert zu Jahrhundert, von Jahrtausend zu Jahrtausend genau das Gegenteil realisiert, kurz, wenn man durch seine ganze Geschichte als Inbegriff und leibhaftige Verkörperung und absoluter Gipfel welthistorischen Verbrechertums ausgewiesen ist! Eines Verbrechertums, neben dem selbst ein hypertropher Bluthund wie Hitler noch fast wie in Ehrenmann erscheint, weil er doch von Anfang an die Gewalt gepredigt und nicht wie die Kirche, den Frieden!’ (in: Karlheinz Deschner, Die beleidigte Kirche, oder: Wer stört den öffentlichen Frieden? Gutachten zum Bochumer §166-Prozeß, Ahriman Verlag Freiburg 1986 = Ahriman flugschrift nr. 2 , S. 42).

Das Gutachten zur Frage, ob man die Kirche als „größte Verbrecherorganisation aller Zeiten“ bezeichnen dürfe, hat Deschner 1986 geschrieben, als er bereits intensiv mit seiner vielbändigen Kriminalgeschichte des Christentums beschäftigt war. In einem erneuten Verfahren nach § 166 hatte man damals in Bochum den presserechtlich Verantwortlichen eines Flugblattes mit dem Titel ‚Das Mittelalter lebt’, das sich ausführlich mit einem weiteren, in Göttingen eingeleiteten Gotteslästerungsprozeß auseinandersetzt, angeklagt. Deschner ist dabei dem Vorbild Voltaires gefolgt: er hat sich mit seinem Gutachten klar hinter den völlig unschuldigen Angeklagten gestellt. Auch sonst hat er die Öffentlichkeit nie gescheut: in unzähligen Vorträgen vertrat er antiklerikale Positionen und Argumente. Anders als Voltaire liebte Karlheinz Deschner allerdings die historische Arbeit am Detail, vertiefte sich akribisch in ferne Jahrhunderte. Voltaire dagegen war ein Mann der großen Linie, der Tat, des Theaters, des Angriffs und ein strategisch denkender Mensch dazu, der auch für unsere Freiheit um Leben und Tod kämpfte. Als solcher mochte er dickleibige Bücher nicht. Lieber ein aufklärerisches Buch, das für ein paar Groschen zu haben ist, das alle lesen, als ein gelehrtes, dickes Werk, das in den Regalen verstaubt, hat er einmal sinngemäß gesagt. Mit dieser einzigen kritischen Anmerkung, die die Ausnahmegestalt Voltaires, aber auch die Eigenständigkeit Deschners skizzieren soll, beschließen wir unseren Vergleich. Wir können Karlheinz Deschner dafür außerordentlich dankbar sein, dass er mit seiner Kriminalgeschichte ein Tatsachen lieferndes Bollwerk gegen Lug und Trug errichtet hat, das für lange Zeit Gültigkeit besitzen, der Niederträchtigen stets ein Stachel im Fleisch und ein Brocken in ihrem Schlund sein wird, an dem sie immer kräftigst zu schlucken haben soll (Verdauungsbeschwerden inbegriffen, s.o.).
Und wenn dann aus seinem Werk noch viele die einzig richtige Konsequenz ziehen (die mit der Menschwerdung), dann wird sich Karlheinz Deschners Arbeit schließlich und endlich gelohnt haben!
Ça ira!

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